Gipsrecycling funktioniert bereits heute und leistet einen wichtigen Beitrag zur Kreislaufwirtschaft – das vorhandene Recyclingpotenzial wird jedoch noch nicht ausgeschöpft, da noch zu viel recyclingfähige Gipsabfälle beseitigt werden. Und auch wenn die Mengen kontinuierlich steigen und derzeit 100 Prozent des erzeugten Recycling-Gipses wieder in der verarbeitenden Industrie eingesetzt werden – der künftig steigende Gipsbedarf kann durch Recycling allein nicht gedeckt werden.
Gipsrecycling gewinnt in Deutschland zunehmend an Bedeutung. Die Mengen steigen kontinuierlich. Trotzdem warnt der Bundesverband der Gipsindustrie e.V. vor einer sich zuspitzenden Rohstofflücke, die in den kommenden Jahren erhebliche Auswirkungen auf die Bauwirtschaft haben wird. Demnach führt der politisch beschlossene Kohleausstieg zu einem drastischen Rückgang von REA-Gips – einem Nebenprodukt der Rauchgasentschwefelung in Kohlekraftwerken – der bislang gemeinsam mit Natur-Gips und Recycling-Gips die Versorgungssicherheit gewährleistete.
Die Versorgungslücke wächst
Bereits im Jahr 2024 wurde der für 2030 prognostizierte Wert von 2,9 Millionen Tonnen REA-Gips erreicht. Damit entsteht in Deutschland eine strukturelle Lücke bei der Rohstoffversorgung mit Gips. Die Branche stellt dies vor große Herausforderungen. „REA-Gips war über Jahrzehnte hinweg ein zentraler Bestandteil des deutschen Gipsrohstoffmixes“, betont Dipl.-Ing. Holger Ortleb, Geschäftsführer des Bundesverbandes der Gipsindustrie und der Forschungsvereinigung der Gipsindustrie und warnt: „Sein Wegfall betrifft die gesamte Wertschöpfungskette. Vom Trockenbau über Estriche bis hin zu den Fundamenten von Windkraftanlagen.“ Die Gips-Lücke, so Ortleb weiter, könne nur durch gesteigerten Naturgipsabbau geschlossen werden.
Gipsrecycling funktioniert
Vor diesem Hintergrund gewinnt Gipsrecycling zunehmend an Bedeutung. Bereits heute werden 100 Prozent des erzeugten Recycling-Gipses wieder in der verarbeitenden Industrie eingesetzt, der damit als Sekundärrohstoff für die Herstellung neuer Gipsprodukte zur Verfügung steht. Besonders Gipsplattenabfälle eignen sich für die Kreislaufführung, da aus ihnen hochwertiger Recycling-Gips gewonnen werden kann.
Das derzeitige Recyclingaufkommen zeigt zugleich, dass hier noch ein erhebliches Potenzial besteht. Im Jahr 2024 wurden rund 578.600 Tonnen Gipsabfälle statistisch erfasst. Daraus produzierten Gips-Recyclingunternehmen rund 128.500 Tonnen Recycling-Gips. Das entspricht 22,18 Prozent des statistisch erfassten Gipsabfallaufkommens. Das insgesamt vorhandene Gips-Recyclingpotenzial wird derzeit jedoch auf etwa 300.000 bis 400.000 Tonnen geschätzt, weil ein Teil der erfassten Gipsabfälle nur in geringen Anteilen Gips enthalten können und damit für eine wirtschaftliche Aufbereitung uninteressant sind.
Die Mengen reichen nicht
Doch auch wenn das dieses Potenzial vollständig ausgeschöpft werden könnte, zeigen diese Zahlen ganz klar, dass die Recycling-Mengen bei weitem nicht ausreichen, um die entstehende REA-Gips Lücke zu kompensieren. Denn die Recyclingkapazitäten stoßen, wie das Beispiel Wohnungsbau sehr anschaulich zeigt, an natürliche Grenzen: Der Rückbau von Gebäuden unterschreitet den Neubau deutlich. So wurden 2022 ca. 295.275 Wohnungen neu gebaut, aber nur etwa 16.500 abgerissen oder umgewidmet.
Dazu kommt, dass Gipsplatten erst ab den 1980er Jahren verstärkt verarbeitet wurden. Größere Mengen werden daher voraussichtlich erst in den kommenden Jahren bei Rückbau und Umbau von Gebäuden anfallen und für das Recycling zur Verfügung stehen.
Rechtssicherheit für den Einsatz von Recycling-Gips herstellen
Holger Ortleb macht deutlich: „Recycling ist ein zentraler Baustein der Kreislaufwirtschaft, aber kein kurzfristiger Ersatz für REA-Gips. Um die Versorgungssicherheit zu gewährleisten, bleibt Naturgips auf absehbare Zeit unverzichtbar.“ Gleichzeitig plädiert die Branche für klare politische Rahmenbedingungen, um die Potenziale des Recyclings weiter zu heben und diese Rohstoffbasis langfristig zu sichern. „Für eine funktionierende Kreislaufwirtschaft kommt es darauf an, Recycling-Gips konsequent als Rohstoff einzusetzen und gleichzeitig die Voraussetzungen dafür zu schaffen, dass künftig größere Mengen aus dem Gebäuderückbau in den Recyclingkreislauf gelangen“, fordert Ortleb. „Solange Gipsabfälle vermischt, unsauber getrennt oder auf Deponien entsorgt werden, bleibt das Recyclingpotenzial künstlich begrenzt.“
Zu den zentralen Forderungen gehören:
- Rechtssicherheit für den Einsatz von Recyclinggips, um Hemmnisse in Genehmigungs- und Qualitätsprozessen abzubauen.
- Strengere Vorgaben zur Abfalltrennung beim Rückbau, damit Gips nicht im gemischten Bauschutt verloren geht.
- Ein Deponieverbot für recyclingfähigen Gips, in Anlehnung an bestehende Regelungen in Österreich.
- Klare Abfallende- und Recyclinggips-Verordnungen, die die Wiederverwertung eindeutig regeln.
„Ohne klare gesetzliche Leitplanken bleibt das Recycling hinter seinen Möglichkeiten zurück“, fürchtet Holger Ortleb. „Je mehr Input kommt, umso mehr kann auch recycelt werden.“
